Plant a Seed. Growing Takes Time.
Über die Kunst, geduldig zu sein, ohne die eigenen Träume aus den Augen zu verlieren.
Vor ein paar Tagen habe ich eine Folge von Mel Robbins' Podcast gehört. Die Folgen Ihres Podcasts begleiten mich schon lange und manchmal passiert es, dass ein einziger Gedanke aus einem Gespräch länger bei einem bleibt als alles andere.
Bei mir waren es diese Worte:
Plant a seed. Growing takes time.
(Pflanze einen Samen. Wachstum braucht Zeit)
So einfach. Und irgendwie so wunderschön. Natürlich ist das metaphorisch zu verstehen, aber der Gedanke, dass alles was wächst und gedeiht Zeit, Liebe und Fürsorge, sowie die richtige Umgebung braucht, ist wunderschön und lässt sich aktuell sehr gut mit meiner Situation verknüpfen.
Seitdem denke ich immer wieder darüber nach. Vielleicht, weil ich gerade selbst an einem Punkt in meinem Leben stehe, an dem sich sehr viel verändert. Vielleicht aber auch, weil dieser Gedanke etwas beschreibt, das wir in unserer heutigen Gesellschaft zunehmend verlernen:
Wir müssen nicht immer schon wissen, was aus uns werden soll und man darf sich Zeit lassen und sich in Geduld üben.
Was, wenn du deine Zukunft noch gar nicht kennen musst?
Ich glaube, viele von uns tragen diesen Wunsch in sich, etwas aus ihrem Leben zu machen.
Nicht unbedingt reich oder berühmt zu werden. Sondern etwas zu schaffen, das sich richtig anfühlt. Etwas, das uns erfüllt. Ein Leben, auf das wir irgendwann zurückblicken und sagen können: Das war wirklich meins.
Vielleicht haben wir große Träume, vielleicht nur dieses leise Gefühl, dass da noch mehr auf uns wartet.
Aber was passiert, wenn wir noch gar nicht wissen, wie dieses „Mehr“ aussehen soll?
Wenn wir Ende zwanzig sind, mitten im Berufsleben stehen, vielleicht schon einiges erreicht haben und trotzdem keine klare Vorstellung davon haben, wo wir in fünf oder zehn Jahren sein möchten?
Ich glaube, genau hier beginnt für viele von uns die eigentliche Herausforderung.
Wir versuchen, eine fertige Version unseres zukünftigen Selbst zu sehen, obwohl wir noch mitten dabei sind, diese Person zu werden.
Dabei verlangt niemand von einem kleinen Samen, dass er bereits weiß, wie groß der Baum einmal sein wird.
Warum verlangen wir das dann von uns selbst?
Nicht alles, was wächst, ist sofort sichtbar
Was mich an dieser Metapher besonders berührt hat, ist die Vorstellung, dass Wachstum zunächst im Verborgenen stattfindet.
Wenn wir einen Samen pflanzen, sehen wir erst einmal nichts.
Wir können ihn gießen, ihm Licht geben, uns um ihn kümmern. Aber tagelang, vielleicht wochenlang, passiert scheinbar überhaupt nichts.
Und trotzdem verändert sich etwas.
Unter der Oberfläche entstehen Wurzeln. Etwas beginnt zu wachsen, lange bevor wir es sehen können.
Vielleicht ist es mit unserem Leben ganz ähnlich.
Ein Gespräch, das uns inspiriert. Ein Mensch, den wir kennenlernen. Ein Buch, das uns nicht mehr loslässt. Ein Interesse, dem wir zum ersten Mal wirklich nachgehen. Eine Entscheidung, die sich zunächst ganz unscheinbar anfühlt.
All das können kleine Samen sein.
Wir wissen noch nicht, ob daraus etwas entstehen wird. Vielleicht entwickelt sich eine neue Leidenschaft, eine Freundschaft, eine berufliche Möglichkeit oder irgendwann sogar ein völlig neuer Lebensweg.
Vielleicht passiert auch erst einmal gar nichts.
Aber wir haben etwas gepflanzt.
Und manchmal ist genau das genug.
Eine Generation, die verlernt hat, geduldig zu sein
Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir in einer Welt leben, in der alles möglichst schnell gehen muss.
Schnell erfolgreich werden. Schnell Geld verdienen. Schnell die große Liebe finden. Schnell das perfekte Leben aufbauen.
Auf Social Media begegnen uns Menschen, die mit 25 ihr erstes Unternehmen verkaufen, mit 28 finanziell unabhängig sind oder mit 30 scheinbar alles erreicht haben.
Und auch wenn wir wissen, dass wir dort meistens nur einen kleinen Ausschnitt der Realität sehen, beeinflussen uns diese Bilder.
Plötzlich fühlt sich ein ganz normales Leben nicht mehr ausreichend an.
Ein guter Job ist nicht genug. Eine schöne Wohnung ist nicht genug. Ein solider Anfang ist nicht genug.
Wir vergleichen unseren Anfang mit dem Ergebnis von jemand anderem und vergessen dabei, dass wir keine Ahnung haben, wie lange dessen Wurzeln bereits gewachsen sind und ob überhaupt richtige Wurzeln gezüchtet wurden oder vielleicht diese Pflanze schon fertig gekauft wurde ?!
Vielleicht müssen wir wieder lernen, dass nicht alles sofort Früchte tragen muss.
Dass Erfolg kein Wettlauf ist.
Und dass wir nicht zu spät dran sind, nur weil unser Leben noch nicht so aussieht, wie wir es uns irgendwann einmal vorgestellt haben. Ein echtes Leben ist nicht Instagram-tauglich und darf auch in kleinen Schritten vorangehen, solange wir uns selbst treu sind und versuchen wirklich wir selbst zu sein, und das Beste aus zu herauszuholen.
Wir dürfen uns Zeit lassen, ohne unsere Ambitionen aufzugeben.
Ich glaube sogar, dass genau darin eine besondere Stärke liegt.
Wenn das nächste große Ziel plötzlich fehlt
Besonders spannend finde ich diesen Gedanken für Menschen, die aus sehr leistungsorientierten Berufen kommen.
Gerade in der Medizin und Zahnmedizin (ich bin ja selbst Zahnärztin daher diese Gedanken) verbringen wir einen großen Teil unseres jungen Lebens damit, auf ein konkretes Ziel hinzuarbeiten.
Erst das Abitur. Dann der Studienplatz. Die Prüfungen. Das Examen. Die Approbation.
Immer gibt es etwas, worauf wir hinarbeiten.
Immer wissen wir, was als Nächstes kommt.
Und dann stehen wir irgendwann im Berufsleben. Wir haben erreicht, wofür wir jahrelang gearbeitet haben. Eigentlich müsste sich jetzt alles richtig anfühlen.
Aber was, wenn es das nicht tut?
Was, wenn wir plötzlich feststellen, dass uns das nächste große Ziel fehlt?
Ich glaube, gerade Menschen, die sich lange über Leistung, Fortschritt und Erfolg definiert haben, können sich in dieser Situation ziemlich verloren fühlen. Manche kennen das auch, wenn sie aus Familien stammen in denen die Eltern oder Großeltern viel erreicht haben und nun großer Druck auf Ihnen lastet.
Denn plötzlich gibt es keinen vorgegebenen Weg mehr.
Niemand sagt uns, welches Examen wir als Nächstes bestehen müssen oder welchen Meilenstein wir bis zum nächsten Semester erreicht haben sollten. Wir müssen selbst herausfinden, was uns antreibt, und das kann ganz schön beängstigend sein.
Vielleicht liegt darin aber auch eine unglaubliche Freiheit. Zum ersten Mal müssen wir nicht mehr einem vorgegebenen Ziel folgen sondern wir dürfen anfangen, unsere Eigenen zu entdecken.
Ich wusste nicht, was ich wollte. Nur, dass ich mehr wollte.
Wenn ich auf die vergangenen sechs Monate meines eigenen Lebens zurückblicke, erkenne ich mich in dieser Geschichte unglaublich wieder.
Ich hatte keinen ausgearbeiteten Fünfjahresplan (Bzw. den den ich hatte hat sich nicht richtig angefühlt)
Keine genaue Vorstellung davon, wo ich leben, mit wem ich arbeiten oder welche beruflichen Möglichkeiten sich mir eröffnen würden.
Ich wusste eigentlich nur eines: Ich wollte mehr.
Mehr Entwicklung. Mehr Inspiration. Mehr Möglichkeiten, mich auszuprobieren und herauszufinden, was wirklich zu mir passt.
Nicht, weil das, was ich hatte, schlecht war. Sondern weil ich gespürt habe, dass ich noch nicht fertig damit bin, mich selbst kennenzulernen. Dazu habe ich mir schlichtweg einfach noch keine Gelegenheit gelassen. Solange ich funktionierte und durch meine Leistung die Anerkennung von außen erhielt war das bisher für mich genug. Nur meine eigene Anerkennung hat gefehlt und das spürt man ab einem gewissen Punkt.
Also habe ich angefangen, Dinge auszuprobieren.
Ich habe Gespräche gesucht, Kontakte geknüpft, neue Orte besucht, Möglichkeiten hinterfragt und mich für Dinge interessiert, von denen ich vorher nicht einmal wusste, dass sie einmal Teil meines Lebens werden könnten.
Nicht alles davon hatte ein konkretes Ziel.
Und nicht jede Begegnung musste sofort zu etwas führen.
Aber rückblickend habe ich das Gefühl, in diesen wenigen Monaten unglaublich viele kleine Samen gepflanzt zu haben.
Einige davon beginnen gerade erst zu wachsen.
Andere liegen vielleicht noch irgendwo unter der Oberfläche.
Und bei manchen weiß ich nicht einmal, ob jemals etwas daraus entstehen wird.
Aber zum ersten Mal habe ich nicht mehr das Gefühl, dass ich schon heute wissen muss, wie das alles einmal zusammenpassen soll.
Vielleicht entsteht daraus irgendwann eine berufliche Richtung, die ich mir heute noch gar nicht vorstellen kann.
Vielleicht werden aus einzelnen Möglichkeiten ganz neue Wege.
Vielleicht wird manches auch wieder verschwinden.
Und das ist okay.
Denn ich muss heute noch nicht wissen, wie mein Garten einmal aussehen wird.
Vielleicht entsteht irgendwann ein ganzer Garten
Ich mag die Vorstellung, dass unser Leben nicht aus einem einzigen großen Traum bestehen muss.
Vielleicht sind es viele kleine Dinge, die wir über die Jahre entdecken. Interessen, die wir entwickeln. Menschen, die uns begleiten. Orte, an denen wir uns zu Hause fühlen. Fähigkeiten, die wir ausbauen. Ideen, die irgendwann größer werden.
Manches wächst schnell. Anderes braucht Jahre.
Einige Samen werden vielleicht nie aufgehen. Aber andere entwickeln sich zu etwas, das wir uns heute noch überhaupt nicht vorstellen können. Und vielleicht schauen wir irgendwann zurück und erkennen, dass all diese kleinen Entscheidungen miteinander verbunden waren.
Dass aus einem Gespräch eine Chance wurde. Aus einer Chance eine neue Richtung. Und aus vielen kleinen Anfängen ein Leben, das sich wirklich nach unserem eigenen anfühlt.
Vielleicht ist das am Ende sogar viel schöner als ein perfekt durchgeplanter Lebensweg.
Weil wir unterwegs Dinge entdecken dürfen, nach denen wir nie gesucht hätten.
Eine kleine Erinnerung an uns alle
Falls du gerade an einem Punkt stehst, an dem du nicht genau weißt, wie es weitergehen soll, möchte ich dir etwas mitgeben.
Du musst heute noch keine fertige Vision von deinem zukünftigen Leben haben.
Du musst nicht mit 25, 30 oder 35 alles erreicht haben (vor allem was heißt überhaupt ALLES ?)
Du musst nicht einmal wissen, was dein ganz großes Ziel ist.
Vielleicht reicht es für den Moment, herauszufinden, was dich neugierig macht. Was dich inspiriert. Bei welchen Menschen du das Gefühl hast, wachsen zu können. Welche Themen dich begeistern und welche Möglichkeiten dieses kleine Kribbeln in dir auslösen.
Geh diesen Dingen nach. Auch wenn du noch nicht weißt, wohin sie führen.
Und vor allem: Erlaube dir, geduldig zu sein.
Denn vielleicht passiert gerade viel mehr, als du sehen kannst. Vielleicht wachsen unter der Oberfläche längst die Wurzeln für etwas Wunderschönes.
Plant a seed. Growing takes time.
Und wer weiß?
Vielleicht stehst du eines Tages mitten in einem blühenden Garten und erinnerst dich daran, dass alles mit einem einzigen kleinen Samen angefangen hat.
With love,
Kim 🤍